Nichts hat den Alltag im letzten Jahrzehnt mehr geprägt und verändert als das Internet.
Moderne Kommunikation ist auch das Thema, von dem Hans-Christian Brix in seinen seit
etwa 2008 entstehenden künstlerischen Arbeiten ausgeht. Mit Tusche auf Papier bringt
er in einem deutlich kalkulierten Farbakkord vernetzte Gesten auf das Papier, die sich oft
zu einer großen Form zusammenfinden. Diese große Form ist häufig eine Kugel, in der
man wohl eine Metapher für die Weltkugel erblicken darf.
In den beiden Arbeiten „Aktion“ und „Reaktion“ von 2008, die als Initialen am Beginn
der Netzwerkbilder von Hans-Christian Brix stehen, wird der formale Bezug zu Jackson
Pollock sehr deutlich. Die All Over-Struktur der kleinformatigen Blätter erinnern ebenso
an den Meister des Abstrakten Expressionismus, wie das schwarzweiße Kolorit.
Anders als bei Pollock entfaltet sich bei Hans-Christian Brix das Geflecht ausgehend von
Tuschetropfen, die mit der Feder gestisch erweitert und verbunden werden und nicht
durch Farbgußtechniken. Das Ergebnis ist gleichmäßiger und filigraner als die dramatisch
kumulierten Strukturen Pollocks. Sie erlauben die Assoziation der Vernetzung und sind
dabei offen genug, um nicht ein bestimmtes Netz zu meinen.
Es sind keine Kartographien des Internets und geben auch nicht vor welche zu sein.
Dennoch gehen die Assoziationen in diese Richtung. In „Reaktion“, in dem die Gesten
mit weißer Tusche auf schwarzes Papier aufgebracht sind, scheint das Weiß im Dunkeln
zu leuchten und man mag an den nächtlichen Blick aus dem Flugzeug auf beleuchtete
Straßen und Städte denken.
Die All Over-Komposition brachte Hans-Christian Brix in den Arbeiten „Emotion“ und
„Traum“ 2009 auf das große Format, der Papierbogen von „Emotion“ mißt immerhin
125 x 200 cm. Die feinen, buntfarbigen Netze, die dieses große Blatt überspannen,
ergeben eine gesponnene Textur aus der vom unteren Bildrand her ein dezentes Leuchten
die Ebenen durchdringt. In der Arbeit „Traum“ organisiert Hans-Christian Brix die verschiedenfarbigen
Ebenen zu großen Formen, wie einer Milchstraße, die der aufsteigenden
Bilddiagonale in sanftem Schwung folgt und dabei einen kleinen gelben Planeten in der
rechten Bildhälfte zu umkreisen scheint.
Ausgerechnet in den „Amorphismus“, also Gestaltlosigkeit, betitelten Arbeiten formt
Hans-Christian Brix aus der Textur des Gestennetzes Kugeln oder Blasen.
In „Amorphismus I“ von 2010 könnte man die ausgebeulte Blase mit den zwei kleinen
Kugeln am unteren rechten Rand biologistisch als Zellteilung verstehen. Die Strukturen
erinnern auch an vergrößernde Modelle von Einzellern oder einzelnen Zellen.
Es gehört zum Reiz der Arbeiten von Hans-Christian Brix, daß sie für eine Vielzahl von Deutungen
offen gehalten sind. So lassen die kugelförmigen Amorphismen auch Deutungen
als Sonnen mit Protuberanzen zu. Bleibt man beim Bild der Kommunikation, so lassen sich
die ins Leere weisenden Stacheln der Kugel auch als mißglückte Kommunikation verstehen.
Die individualistische Lesart der Geste, die seit Harold Rosenberg vorherrschend ist, läßt
eine Deutung zu, die das Kommunikationsnetz in den Arbeiten von Hans-Christian Brix als
ein lockerer Verbund von verteilten Individuen, die durch Ihre Verbindung etwas formen,
das größer ist als sie selbst. So verstanden sind die „Amorphismen“ eine positive Metapher
für eine freie Gesellschaft, in der der Einzelne seine Eigenart bewahrt.
Dr. Steffen Dengler / Stuttgart 2011